DÄ sind anders.

By absinthschaf

16 reguläre Lieder, eine EP und ein angeblicher Hiddentrack, alles angeliefert in einer geruchsneutralen Pizzaschachtel. Was bei anderen Bands als teures Diggypack durchgeht ist den Ärzten als Standartversion von „Jazz ist anders“ gerade gut genug. Auch die Freunde der Sportart „Kopierschutzumgehen“ kommen wieder einmal zu kurz.  

Diesmal, so hieß es im Vorfeld, sei die Studioarbeit leichter gefallen, es wurde miteinander geredet und nicht nur miteinander musiziert. Es habe wieder Spaß gemacht. Ob man rückblickend „Geräusch“ aufgrund einer damals drohenden Trennung neu bewerten muss sei mal dahin gestellt. Aber da fragt man sich doch lieber, ob man es der Neuen anhört, dass sie ein Kind der allgemeinen Gruppenahrmonie ist. Immerhin, beste Vorraussetzungen für eine hervorragende CD. Also, rein mit der CD in die Anlage und schon mal alle Regler nach rechts gedreht. 

Nur, dass der Opener keinerlei Einstimmung bietet. „Himmelblau“ plätschert als harmloser Popsong vor sich hin und hätte auch wunderbar auf der letzen Urlaub LP stehen können. Irgendwo, so in der Mitte. Für eine Einstimmung auf ein DÄ-Album allerdings nicht mitreißend genug. Dem Text hätte eine schnellere Untermalung gut getan. Beschwingter geht es mit Belas „Lied vom Scheitern“ weiter und gehört zu den Stücken, die einem, dank der Melodie, auch gerne mal als spontane Ohrwürmer hängen bleiben. Textlich ist allerdings, was ich gerne bei den Ärzten anmerke, viel zu viel vorhersehbar. Es folgt Rods Milieuzeichnung „Breit“. Ja, doch. Ist ein Lied für all diejenigen die beim Berliner Trio an „Party- und Sauflieder“ denken. Mitgröhlgarantie für die Tour, denn zum ersten Mal passen hier Text und Musik zueinander.

  „Lasse reden“ weckte spontane Assoziationen zu Rosenstolz „Lass sie reden“. Die gleiche Thematik: Ganz egal was die anderen denken oder sagen, geh’ deinen eigenen Weg und steh über allen Gerüchten. „Die ewige Maitresse“ wird alleine aufgrund dieses Titels schon mal die „Sauf- und Partygemeinde“ bildungstechnisch überfordern. Sido und Co hätten es wohl „Nutte“ genannt. Bei den Ärzten gibt es dafür ein durchweg stimmiges Lied der ruhigeren Art.
Die erste Singleauskopplung „Junge“ klingt ja nun schon seid Wochen aus den Radios der Nation. Mein erster Eindruck von damals war durchweg positiv. Wenn Kinder versuchen die Position ihrer Eltern zu verstehen, kann dies eigentlich nur rückblickend geschehen. Auch wenn das Video nicht dazu passen mag, wenngleich aber absolut genial gedreht, das Stück gehört eindeutig zum besseren Drittel von „Jazz“, an das gleich das nächste Highlight anschließt. Farin Urlaub lustwandelt auf Nick Caves Spuren. Die bestehende Hoffnung, dass es jetzt bergauf geht, wird dann allerdings durch „Perfekt“  sofort gebremst. Das Bela nie der bessere Texter in der Band war ist kein offenes Geheimnis, perfekt ist anderes. Dem Sprung in die Belanglosigkeit folgt „Heulerei“. Ein Lied, für die gesellige Männerunde. Viel besser wird es nicht, vor allem da sich das Lied mit meiner Vorliebe für ausgereifte Texte beißt. 

Im Tal der Skiptaste angekommen wirft uns „Licht am Ende des Sarges“ den Rettungsring entgegen. Da ist er doch, es gibt ihn, er ist nicht tot – der typische Ärztehumor. ‚Na also!“ möchte man rufen. „Es geht doch“ Tanzbar, ironisch. Und weil es scheinbar eine gewiefte Strategie ist, ein sehr gutes Licht noch weiter dadurch glänzen zu lassen, indem man es zwischen mittelmäßigen bis schlechten Stücken einordnet. „Niedliches Liebeslied“ schenkt uns folgende Zeilen ‚In meinem Ohr sitzt eine Biene / Und summt die ganze Zeit von dir / Und selbst der Pudding aus der Kantine / Weiß, du gehörst zu mir.’ Also bitte, aus Berlin kennt man Kitsch doch eher von Rosenstolz und da nervt das schon. Bin ich zu sensibel um die feine Ironie des Textes zu verstehen? Hat er eine? Musste das sein? 

„Deine Freundin“ ist anstrengend, klaut dem dir die Zeit, vereinnahmt dich. Ja, wer kennt diese Situation denn nicht? Das zickende Weib oder der eifersüchtige Freund. Jenes Objekt, das man am liebsten im Keller einsperren möchte. Geht sofort ins Ohr und macht ordentlich Spaß. Überraschend auch das AC/DC Gedächtnissample zu beginn von „Allein“. Leider verliert sich der Text in Phrasen, wird der Thematik nicht gerecht. Midlifecrisis bei den Ärzten hätte auch anders ausfallen können. „Tu es nicht“ ist mein Favorit für Single Nummer 2. Ja, die Plattenindustrie ist böse. Jugendliche sind Schwerstkriminelle. Kennt man alles. Aber selten wurde es derart charmant auf die Spitze getrieben.
„Living Hell“ fasst in einem Lied zusammen, wofür Dave Gahan ein ganzes Album braucht. Ruhm, Geld, Frauen… alles unwichtig im Vergleich zu den Momenten der Ruhe und Einkehr. Ich bin versöhnt wegen dem Anfangslied. Ich bin geneigt, auch „Vorbei ist vorbei“ ganz ganz toll zu finden… würde es nicht an „Himmelblau“ anschließen und das Album so unmotiviert beendet wie beginnt.  

Sind die Ärzte zu schnell erwachsen geworden? Haben sie sich thematisch durch Alltagserlebnisse zu sehr eingeschränkt? „Jazz“ klingt als habe man eine neue Richtung einschlagen wollen, aber nicht ganz den Mut gehabt auch dabei zu bleiben. Was bleibt ist das Gefühl, irgendwie etwas zu vermissen, auch wenn man es nicht so recht einordnen kann. Ich will nicht sagen, frühre waren sie besser. „Die Bestie in Menschengestalt“ und „Planet Punk“ bedeuten mir nur mehr, weil ich damit aufgewachsen bin. Es ist das Spielerische wie „Ein Song namens Schunder“, was mir immer so gefallen hat.  Die Ärzte haben ihre pubertären Phasen bereits mit „Geräusch“ abgeworfen, nur um jetzt teilweise direkt in der Midlifecrisis zu landen. Vermisst wird der typische Ärztehumor, der einzig bei „Tu es nicht“ und „Licht am Ende des Sarges“ durchblickt und sich dann erst wieder auf der EP bemerkbar macht. Positiv fällt auf, dass der Großteil der politischen Stücke auf dem Vorgänger keine Weiterführung findet. Was gesagt werden musste wurde besungen und der G8-Gipfel ist a) zu lange her und hat b) bereits im „Grotesksong“ seine Hymne gefunden.  Von daher also, erst mal reinhören. Alben, die sofort gefallen, landen eh irgendwann ganz unten im Regal. Dorthin, wo auch „Le Friseur“ steht. 

2 ½ von 5 Punkten

10 Antworten zu „DÄ sind anders.“

  1. Paul sagt:

    Oh, das klingt nicht sehr gut. Ich würde aber zu gern einmal selbst reinhören…

  2. absinthschaf sagt:

    Wie sagt Frau so schön? Kaufen.
    Oder bei wem reinhören. Oder auf bademeister.com gehen. Oder, oder, oder.

  3. Paul sagt:

    Joah, ein Klassenkamerad hat die, da leih ich sie mir aus :)

  4. Sebastian sagt:

    Das passt alles. Ich weiss nicht, ob ich z. B. Bestie in Menschengestalt nur geiler finde, weil es meine erste CD war, oder weil es wirklich besser ist. Ich mag das neue Album irgendwie überhaupt nicht. Ich fand die Single Junge relativ schwach, aber jetzt merke ich, dass es eigentlich ganz okay ist und das beste Lied auf dem Album. Das will schon was heissen. Sogar Geräusch fand ich besser. Hm. Ich weiss nicht. Ich hör’s mir noch ein paar mal an, das kann doch nicht sein, dass die wirklich so lahm ist. Ich muss mich irren.

  5. Absinthschaf sagt:

    Bis jetzt bestätigen sich so langsam meine Eindrücke, wenn göeich ich irgendwie „Lasse reden“ noch zu den stärkeren Stücken zählen möchte. Allein schon wegen:
    Hast du im Garten ein paar Leichen verscharrt?
    Die Nachbarn haben da so was angedeutet
    Also wunder dich nicht, wenn bald die Kripo bei dir läutet.

    Sehr schöner Ohrwurm.

    Mal sehen. Spätestens auf der Tour muss ich mich ja mit den Stücken anfreunden. Vielleicht gibts ja noch Situationen, die man im Nachhinein mit bestimmten Liedern verbindet, ist ja auch recht oft der Fall.

  6. Paul sagt:

    ICH HAB DAS ALBUM!! Und ich werd was dazu schreiben. So schlecht wie du find ichs gar nicht :)

  7. absinthschaf sagt:

    Hat aber auch lange genug gedauert ;)
    Ich schau mal nach, ob du dazu was verfasst hast.

  8. Paul sagt:

    Ne, noch nicht :) Ansonsten hätt ich doch einen Trackback zu dir gesetzt. Gab in letzter Zeit ein paar andere Dinge zu tun, hatte nicht die Muße, um mich da ranzusetzen…

  9. absinthschaf sagt:

    Du, das war jetzt kein Vorwurf, für den du dich rechtfertigen musst ;)

  10. Paul sagt:

    Hab ich gar nicht so gelesen, wollt dich nur informieren :)

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