Es gibt Dinge in der Musikwelt, die ändern sich einfach nie:
Kurzhaarige Metaler sind untrve.
Bob Dylan ist unantastbar.
Pink Floyd hätten ohne Syd Barrett niemals weiter machen dürfen.
Bono plus 3 Studiomusiker = U2.
Und, das zweite Album ist grundsätzlich schlechter als das Debüt.
In diesem Falle nennt sich die Debutplatte „Paper Monsters“ und erschien 2003. 10 Tracks, meist rockig, oft nach Blues klingend. Vor allem aber, viel zu viele ruhige Stücke und die Erkenntnis: Der Martin schreibt aber die wesentlich ansprechenderen Texte. „Paper Monsters“ war solides Handwerk, aber kein Meilenstein. Oder, anders formuliert, ausbaufähig. Umso überraschender dann die erste Depeche Mode Single, die nicht von Gore geschrieben wurde, „Suffer Well“. Na also, es geht doch.
Obwohl, so ganz allein ist Dave Gahan bei „Hourglass“ doch nicht tätig gewesen. Das Lob muss er sich mit Christian Eigner und Andrew Phillpott teilen. Anders als beim Vorgänger wird gar nicht erst versucht, sämtliche Depeche Mode Bezüge außer Acht zu lassen. Soloalbum Nummer 2 ist elektronischer, experimenteller und abwechslungsreicher.
Mit „Saw Something“, „Miracles“ und „Insoluble“ halten sich dir ruhigen Stücke wohltuend zurück. Wirkliche Stärken allerdings offenbaren sich mit „A little lie“ und „Down“. Beide Lieder hätten sich ebenso auf der letzen Depeche Mode Platte wiederfinden können. Es wird also spannend bei der Platzvergabe des nächsten Albums, denn mit drei Titel wird sich Gahan dann sicher nicht zufrieden geben.
Was ich vermisse, Übergänge zwischen den einzelnen Tracks wie bei „I want it all“ und „Nothing’s impossible“. Ich mag Übergänge. Auf dem MP3-Player wirken sie zwar aufgrund der Unterbrechung nicht. Aber auf LP und CD, ein Geschenk für die Ohren.
3 von 5 Punkten.
Nebensächliches:
Das Artwork:
Statt der normalen CD-Ausgabe habe ich mich für den augenerfreuenden Pappschuber mit zusätzlicher DVD entschieden. Ist ja auch umweltfreundlich. Das kritische Auge sagt allerdings: Himmel, Jungs. Haut doch mal mehr Kontrast rein oder ändert die Schriftfarbe. Böse, ganz böse. Für nächtliches Lesen bei wenig Beleuchtung absolut ungeeignet.
Ansonsten braucht es keinen Blick ins Kleingedruckte um zu sehen, wer für die Fotos verantwortlich war. Da fragt man sich doch, warum Anton Corbijn nicht nach „Suffer well“ auch bei „Kingdom“ für das Video zuständig war.
Bonusmaterial:
Auf der DVD befinden sich neben einem Film über die Entstehung des Albums das (überaus grottenschlechte) Video zu „Kingdom“ sowie die Studiosessions zu „Saw Something“, „Miracles“, „Kingdom“, „A little lie“ und „Endless“. Allesamt in weitaus ruhigeren Versionen wie auf dem Album, nur begleitet durch Christian Eigner (Schlagzeug) und Andrew Philpott (Gitarre).
Wem diese Platte nicht gefallen wird:
Meiner Mutter. Bezüglich Dave Gahan zitiere ich „Der schreit ja nicht so wie Bono“. Bis „Kingdom“ kommt sie wohl noch mit, aber bei „Deeper and Deeper“ denke ich an ein „Ne, das ist ja Lärm“.
Kurzeindrücke zu den einzelnen Liedern.
Saw Something,
verdient sich allerdings das Prädikat „Chill-Out-Songs für Freitagabend“. Ein durchaus starker Einstieg der weit entfernt ist von dem Kitsch, den man noch auf „Paper Monsters“ finden konnte.
Kingdom
Die erste Singleauskopplung, zieht das Tempo an. Nach Martin Gore hat sich nun also auch Gahan dem Thema Religion und Spiritualität zugewandt. Und es ist nicht das letzte Mal, dass dieses Motiv durchdringt. Der große Nachteil an Kingdom liegt für mich beim Text, der mir einfach zu kurz geraten ist. Ich gebe ja zu, dass ich eher auf den Text achte, weswegen es minimalistische Liedstrukturen bei mir nicht gerade leicht haben. Gahan ist nicht Gore, er wird es nie sein. Aber er kann mehr als er es mit „Kingdom“ zeigt.
Deeper and Deeper
Es ist Zeit für meine neuste Lieblinsbezeichnung für Musikstücke ‚dreckig’. Das Album wird tanzbar, der Stimmenverzerer aber hätte sparsamer eingesetzt werden können. Solche Hilfsmittel braucht niemand, der „Walking in my Shoes“ singt. Würde es eine Tour geben, bei diesem Stück wäre ich am meisten auf die Liveumsetzung gespannt. Inhaltlich wiederholt sich recht viel, passieren tut wenig. Einer der eher schwächeren Songs. Und wenn es nach dem Rauschen im Forenwald geht, die zweite Singleauskopplung.
21 Days
Wo Pink Floyd im Kleinen anfangen und nur eine Mauer bauen muss es hier bereits ein Turm sein. Allerdings einer meiner Kandidaten für das Lied, welches nach mehrmaligem Hören irgendwann langweilig wird.
Miracles
Gerne kritisiere ich bei U2-Texten die allzu offensichtliche Erwähnung des christlichen Gottes.
Dave Gahan hingegen spricht von keiner Religion an die er glaubt. Es ist das Schicksal, eine höhere Macht. Nur was genau, dass weiß er selber nicht. Und egal was auch immer uns lenkt, Hoffnung und Liebe sind immer noch vorhanden, für jeden. Hier passt es einfach. Der Text, die Melodie.
Use you
Und Schnitt. Wer gerade noch vor sich hin geträumt hat wird hiermit wieder zurück geholt. Ein starker Refrain und eine Melodie, die recht mit Dauerpräsenz glänzt ohne dabei lästig zu werden.
Insoluble
Eine Klanglandschaft zum träumen, Dave Gahans unverwechselbare Stimme. ‚Insoluble’ ist eindeutig eines der besten Stücke auf „Hourglass“. Ruhig, zerbrechlich, hypnotisch. Sicher keine Singleauskopplung, aber doch einer der Tracks, die mich am meisten beeindrucken.
Endless
Das Stück kannte ich bereits in der Studiosessions-Fassung, also ohne elektronische Veredlung. Ich bin mir noch nicht sicher, in welcher Version es mir besser gefällt. Sicher, die Klangelemente sind hervorragend. Aber die hätten auch gerne zu Gunsten von Gahans Stimme dezenter eingesetzt werden können. Von daher also ein Lied, dass sich mir wohl erst nach mehrmaligem Hören erschließen wird. Was ja nicht schlecht ist.
A little lie
Das zweitstärkste Stück auf dem Album. Zynisch, dreckig. Live sicher noch stärker.
Down
Im Gegenteil zum Opener wirkt das letzte Stück in seiner Ruhe eher bedrohlicher. Optimismus? Nicht hier. Hoffnung? Abwesend. Wo bei ‚Miracles’ noch gebetet wurde, wird sich hier aufgegeben. Die Welt dreht sich weiter, nur das sich nicht jeder daran beteiligt. Ein klarer Fall für eine visuelle Umsetzung durch Anton Corbijn. Der beste Track der Platte.
Oktober 23, 2007 um 12:34
Du musst Musikjournalistin werden. Unbedingt.
Oktober 23, 2007 um 1:38
Ja…. das sag ich mir auch all monatlich am Kioskstand. Aber mit einem Büro beim Musikexpress oder der Visions wirds ja leider nichts. Tob ich mich halt hier aus.